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Über die Unschärfe: Schönheit, Zärtlichkeit und ein Bisschen Poesie

Ich sehe ein schönes Bild. Eine Konstellation. Eine Bewegung, die herumschwebt. Die unklare Lichtsituation, welche durch den hellen Hintergrund einem Gegenlicht ähnelt und zwei wunderschönen Profile hervorbringt. Und ganz rechts hinten ist noch ein drittes Profil zu sehen – als Spiegelung. Zusammen ergeben sie eine spannende Reihe. Man könnte aber fragen: „Ist das Bild überhaupt brauchbar? Die Personen sind ja gar nicht im Fokus.“ 

Darauf würde ich antworten, dass die Qualität dieses Bildes durch den fehlenden Fokus für mich nicht verringert wird. Ganz im Gegenteil: diese leichte Unschärfe verleiht dem Bild seinen Charakter. Genauso wie manch anderes Bild durch seine unglaubliche Schärfe zum Vorschein kommen könnte. Macht die Unschärfe das Bild also nicht schlechter? In meinen Augen – definitiv nicht. Es gibt schließlich Bilder, die immer im Fokus sind. Passbilder zum Beispiel. Sind diese Bilder deswegen gut?


„Poesie ist Schule der Unsicherheit“ sagte einst Joseph Brodsky – ein russischer Dichter und der Nobelpreisträger für Literatur. Ich glaube, dass Fotografie schon längst zur neuen Schule der Unsicherheit geworden ist. Für jede Regel in der Fotografie, an welche man sich gerne hielt, kam eine neue Richtung, welche diese Regel umging.

Schön und hässlich, gut und schlecht – das sind subjektive Wertungen. Viel wichtiger ist, sich die Frage zu stellen: gut oder schlecht für welchen Zweck? Ein unscharfes Passbild ist schlecht, weil es die Person nicht identifiziert und so eben seinem Zweck nicht entspricht. Die Schärfe ist für die Warenabbildungen in einem Online-Shop selbstverständlich. Oder für ein Fahndungsbild, dass die Polizei verbreitet. Ein Portraitbild hingegen muss nicht immer im Fokus sein. 


Die Schärfe galt immer als etwas Besonderes, da sie in den analogen Zeiten ohne Autofokus nicht leicht zu erreichen war. Man musste diese Technik erarbeiten und war stolz darauf. Heute kann man schnell und unproblematisch eine unglaubliche digitale Schärfe erreichen. Sie wird zum neuen Standard des Sehens und gibt uns unbewusst Regeln vor. Aber soll man sich wirklich von der Masse beeinflussen lassen?


Die Bildsprache ist eigenwillig, zum Teil Subjektiv und lässt sich nicht immer eins zu eins in Worte fassen. Ich verbinde die Schärfe in Bildern oft mit Präzision, Klarheit, Technik und Grafik. Ein unscharfes Bild – eher mit Weichheit, Zärtlichkeit, Unausgesprochenheit, Tiefe und Malerei. Unsere Sprache ist schlecht dafür geeignet, die subjektive Wahrnehmung zu beschreiben. Mann schaut am besten selbst hin mit den Augen eines Kindes. Ohne Vorkenntnisse, ohne Voreingenommenheit, mit grenzenloser Neugier. Apropos Kinder. Wussten Sie, dass die Augen des Neugeborenen noch nicht alles scharf sehen und dass unsere ersten visuellen Eindrucke wohl verschwommen sind?


Wenn ich ein Bild sehe, zählt für mich der Gesamteindruck. Seine Schärfe und seine Unschärfe, seine Farbpalette und wie stark die Kontraste ausgeprägt sind. In dem Bild oben sehe ich sehr viel. Aber vor allem – Verbundenheit, Einigkeit, Schönheit und alltägliche Poesie.


Und was sehen Sie?

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