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Mamas Gedanken über Bilingualität, Demut und Loslassen

Russische und Deutsche Kinderbuecher

Das vergangene Jahr war ein Jahr großer Herausforderungen. Aber es war auch ein Jahr, in dem meine Tochter zum ersten Mal das Meer und den Schnee sah. Es war ein Jahr, in dem sie anfing zu reden.

Mir ist klar geworden, dass die erste Sprache meines Kindes nicht unbedingt meine Muttersprache sein wird. Meine Tochter fing an zu reden und momentan kennt sie mehr Worte auf Deutsch als auf Russisch. Für so eine sprachengeprägte Person wie mich war das ein Schlag.

Der kam auch unerwartet. Meine Sprachumgebung ist sowie Deutsch als auch Russisch und es war mir nicht offensichtlich, das meine Tochter andere Spracherfahrungen im Alltag hat als ich. Später erschien es mir logisch. Ich kommuniziere zwar viel auf Russisch, diese Komminikation verläuft aber meistens online. Ich habe russischsprachige Freundinnen in Berlin, aber sie haben nicht alle Kinder. Und  für russische Treffen mit Kindern war und ist die Logistik viel zu schwierig. Fazit: mein Kind ist im Alltag fast nur mit Deutsch umgeben.
Das ist nicht das erste Mal, dass etwas in meinem Elternsein anders als erwartet kommt. Aber das ist das erste Mal, dass es mir so Weh tut.

Russisch als Fremdsprache ist nicht leicht. Wenn der Spracherwerb durch die Umgebung nicht ausreicht, kann daraus schnell eine lange to-do-Liste werden, ein Projekt Sprache sozusagen. Russische Redegruppen, russische Kita, russische Spielgruppen… Ganz schön viel. Ist meine Erwartung, dass mein Kind Russisch reden sollte, überhaupt fair? 
Ich erinnere mich noch an meinen Lateinunterricht. Der war Optional und es dauerte nicht lange, bis mein Interesse abgeflaut hat. Russisch erscheint mir aber schwerer als Latein. Ich habe immer einen riesen Respekt vor Menschen, welche Russisch als Fremdsprache gelernt haben.

Ich habe mir immer gewünscht, für meine Tochter da zu sein und auf ihre Bedürfnisse zu achten. Jetzt möchte ich für sie etwas Wichtiges entscheiden und sie ist zu klein, um sich dazu zu äußern. Bin ich vielleicht etwa so wie die Eltern, welche ihrem Kind das Leben und den Berufsweg vorschreiben? Aber: wenn Kinder klein sind, entscheiden immer die Eltern. Was ist schon fair, wenn es am Ende darauf ankommt, in welche Familie ein Kind reingeboren wird? Und darauf haben Kinder gar keinen Einfluss.
Und warum ist mir dies überhaupt so wichtig? Letztendlich hätte ich kein Problem mit Deutsch. Aber ich liebe Russisch und kann es mir momentan nicht anders vorstellen. Russisch ist die Sprache meines Herzens, und ich möchte in dieser Sprache zu meiner Tochter sprechen.

Es gibt wohl noch einen Grund, warum diese Entscheidungssituation für mich so schwer ist. Sie zeigt eben auf, dass das Lesen nur eine Richtung hat. Jede Entscheidung hat seine Folgen. Mehr Russisch bedeutet weniger andere Aktivitäten. Mehr andere Aktivitäten bedeuten weniger Russisch. Wenn ich mich für mehr Russisch entscheide, werde ich weniger andere Bücher, Aktivitäten und Treffen haben, da sie zu dem Russischlernen gar nicht passen würden. Irgendwie macht diese “Sprachgabelung” für mich die Irreversibilität des Lebens besonders spürbar.

Letztendlich habe ich mich entschieden, die Situation gelassener anzugehen. Nicht jede wichtige Entscheidung muss gerade jetzt gefällt werden. Manchmal ergeben sich Dinge einfach. Ich kann jetzt mit meiner Tochter schöne Lieder singen, Geschichten erzählen und Gedichte  vorlesen – ich kann alles tun, was uns besser verbindet. Darunter auch Russisch.
Und wie es weiter geht, wird sich zeigen.

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